In diesem Teil der Serie „Wissenschaftliches Arbeiten für Bachelor- und Masterarbeiten“ zeigen wir euch Step-by-Step, wie ihr eine präzise, relevante und originelle Forschungsfrage formuliert.
In früheren Beiträgen habt ihr bereits erfahren, wie man eine Literatur-Recherche macht und wie ihr Literatur richtig zitiert. Mit diesem Artikel wollen wir euch zeigen, wie ihr nun zu eurer Forschungsfrage kommt.
Sie bildet das Fundament eurer Arbeit: Von ihr hängt ab, welche Literatur ihr auswählt, welche Methoden ihr einsetzt und ob ihr eine echte Wissenslücke füllt (Maxwell, 2013). Ohne klar definierte Frage fehlt es euch an Struktur und Ziel. Die Arbeit droht, sich von Anfang an zu verzetteln (Creswell, 2014).
Ihr solltet daher eine Forschungsfrage formulieren, die:
Damit erfüllt ihr den zentralen Zweck wissenschaftlicher Arbeiten: die Erweiterung bestehenden Wissens.
Interessenfeld wählen: Wählt ein Themengebiet, das euch persönlich motiviert oder in dem ihr euch schon auskennt (Bryman, 2016). Im Anschluss führt ihr eine gründliche Literaturrecherche durch:
Ziel ist es, den aktuellen Forschungsstand zu erfassen und Forschungslücken (sogenannte „weiße Flecken“) zu identifizieren – Aspekte, die bisher wenig, unzureichend oder gar nicht untersucht wurden (Booth, Sutton & Papaioannou, 2016). Besonders hilfreich können die Abschnitte „Future Research“ oder „Future Work“ am Ende vieler Paper sein, da sie explizit auf offene Fragestellungen hinweisen.
Habt ihr eine Basis geschaffen und wurden Wissensdefizite in diesem Bereich identifiziert, dann beginnt ihr mit der Eingrenzung eures Themas.
Fokus festlegen: Ein häufiger Fehler besteht darin, Themen zu breit zu wählen. Engt euer Thema daher auf:
Ein Beispiel:
Statt „Digitalisierung im Handel“ -> „Einfluss von Augmented Reality auf Kaufentscheidungen im B2B-Vertrieb“.
Eine klare Eingrenzung erhöht die Bearbeitbarkeit und verbessert die wissenschaftliche Präzision.
Theoretische Linse bestimmen: Schaut, welche Konzepte, Modelle und Methoden bereits verwendet wurden (Flick, 2018) und überlegt, welche Theorien für eure Arbeit relevant sein können. Gibt es vielleicht Blickwinkel, die in der bisherigen Forschung noch nicht beleuchtet wurden? Entscheidet euch dann bewusst für ein bis zwei Dimensionen (z. B. Konsumentenpsychologie, Dynamic Capabilities, Brand Hate) und begründet, warum genau diese relevant für euer Thema sind (Kromrey et al., 2016; Maxwell, 2013). Wichtig ist, dass man sich auf diese Sichtweisen festlegt (und dieses Festlegen gut argumentieren kann).
Innovationspotenzial prüfen: Ein neuer Blickwinkel auf ein bekanntes Phänomen kann ebenfalls eine originelle Fragestellung generieren (Leavy, 2017). So könnte zum Beispiel die Anwendung der Strategischen Sichtweise eine neue Art sein, wie man sich dem Thema Brand Hate nähert. Insgesamt muss die Arbeit aber einen wissenschaftlichen und/oder gesellschaftlichen Mehrwert bringen (Kromrey et al., 2016).
Bei der Formulierung der Forschungsfrage gelten zentrale wissenschaftliche Grundregeln. Ihr müsst darauf achten, dass diese kurz und prägnant ist und das Wesentliche eurer Arbeit widerspiegelt. Tipp: Denkt beim Ausformulieren einfach daran, was ihr mit dieser Arbeit beantworten möchtet.
Formale Kriterien:
Maximal eine zentrale Frage: Legt euch auf die eine Forschungsfrage fest, die ihr behandeln möchtet (Maxwell, 2013). Mit mehr als einer Frage wird der Scope eurer Arbeit sehr wahrscheinlich zu groß.
Ein Beispiel:
Weniger geeignet: „Ist Social Media Marketing effektiv?“.
Besser: „Wie beeinflusst Social Media Marketing die Markenloyalität von Konsument*innen im E-Commerce?“.
Eine Forschungsfrage kann außerdem in unterschiedliche Kategorien untergliedert werden. Die Einteilung hilft euch, eure Forschungslogik klar zu strukturieren:
Ihr fragt euch vielleicht, ob die beispielhaften Forschungsfragen oberhalb detailliert und explizit genug sind. Dies ist relativ schwierig zu beantworten, da dies vollkommen vom Kontext und dem Status-Quo im wissenschaftlichen Diskurs abhängig ist.
Ist zum Beispiel ein Thema noch relativ neu und „unerforscht“, so können sich zu Beginn breite Forschungsfragen ergeben: „Wie ist der steigende Mangel an qualifizierten Arbeitskräften im stationären Handel zu bewerten?“ oder „Welche Chancen und Risiken ergeben sich beim Einsatz von AR-Technologien in Verkaufspräsentationen im Business to Business Bereich?“.
Ist das Thema jedoch schon gut erforscht und gibt es schon einen ausgeprägten, detaillierten, wissenschaftlichen Diskurs zum Thema, müsste man die Forschungsfrage detaillierter und präziser formulieren, um dem aktuellen Stand des wissenschaftlichen Diskurses gerecht zu werden: „Welche Auswirkung hat die Einführung von X auf das Verhalten von Y?“.
Abschließend haben wir euch noch ein paar Kriterien für eine gute Forschungsfrage zusammengefasst:
So kann einer guten Forschungsfrage nichts mehr im Weg stehen.
Viel Spaß beim Forschen und Schreiben!
Booth, A., Sutton, A., & Papaioannou, D. (2016). Systematic approaches to a successful literature review (2nd ed.). SAGE.
Bryman, A. (2016). Social research methods (5th ed.). Oxford University Press.
Creswell, J. W. (2014). Research design: Qualitative, quantitative, and mixed methods approaches (4th ed.). SAGE.
Flick, U. (2018). The SAGE Handbook of Qualitative Data Collection. SAGE.
Hart, C. (1998). Doing a literature review: Releasing the social science research imagination. SAGE.
Hulley, S. B., Cummings, S. R., Browner, W. S., Grady, D. G., & Newman, T. B. (2007). Designing clinical research (3rd ed.). Lippincott Williams & Wilkins.
Kromrey, H., Roose, J., Strübing, J. (2016). Empirische Sozialforschung (13. Auflage). UVK Verlagsgesellschaft mbH.
Leavy, P. (2017). Research design: Quantitative, qualitative, mixed methods, arts-based, and community-based participatory research approaches. Guilford Press.
Maxwell, J. A. (2013). Qualitative research design: An interactive approach (3rd ed.). SAGE.
Petticrew, M., & Roberts, H. (2006). Systematic reviews in the social sciences: A practical guide. Wiley.
Ridley, D. (2012). The literature review: A step-by-step guide for students (2nd ed.). SAGE.
Weiss, C. H. (1994). Evaluation: Methods for studying programs and policies (2nd ed.). Prentice Hall.
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